Pressegespräch mit Linda Hener (FN 7.9.2026)
Dr. Carsten Köber war im August zum Thema „AU ab dem ersten Krankheitstag“ sowie zu den geplanten Umbrüchen im Gesundheitssystem im Gespräch mit der freien Journalistin Linda Hener.
Die Bewertung der Pläne und deren potentielle Auswirkungen auch auf die Patient:innenversorgung finden sie hier im ungekürzten Originaltext (gekürzt bereits veröffentlicht in der Main-Post vom 21.8.).
Wie bewerten Sie die Forderung, Beschäftigte wieder häufiger zur Vorlage einer Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag zu verpflichten? Welche Folgen hätte dies für Hausarztpraxen und Patienten?
Diese Forderung ist praxisfern und wird vermutlich das Gegenteil des Beabsichtigten bewirken. Der Hausärzteverband spricht zu Recht von einem „bürokratischen Supergau“: Eine AU-Pflicht ab Tag eins bindet ärztliche Ressourcen ausgerechnet für Bagatellerkrankungen wie grippale Infekte, die meist keinerlei Untersuchung bedürfen. Statt Fehlzeiten zu senken, wird die knappe Ressource Arztzeit weiter verknappt – zulasten von Patient:innen mit ernsthaften Beschwerden. Die geplante Abschaffung der Telefon-AU verschärft das zusätzlich, obwohl Kassendaten belegen, dass sie den Krankenstand nicht erhöht hat. Wir brauchen an dieser Stelle wniger, nicht mehr Bürokratie.
Wie groß ist der Anteil der Patientenkontakte, bei denen vor allem eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung benötigt wird? Würden Karenztage oder andere Regelungen die Praxen spürbar entlasten?
In unserer Praxis stellen wir im Schnitt mehr als 100 Krankschreibungen pro Woche aus – weit überwiegend für kurze, banale Erkrankungen ohne eigentlichen Behandlungsbedarf. Das bindet 6 bis 8 Arztstunden wöchentlich, praktisch einen ganzen Sprechstundentag. Karenztage, wie sie in Schweden, Großbritannien oder Dänemark üblich sind, würden spürbar entlasten: Großbritannien verlangt ein Attest erst ab dem achten Krankheitstag, Dänemark nur bei begründetem Arbeitgeberzweifel – und beide Länder haben dennoch niedrigere krankheitsbedingte Fehlzeiten als Deutschland.
Ein Blick relativiert die Telefon-AU als „Sündenbock“: Der Krankenstand sprang 2021/2022 von 4,0 auf 5,2 Prozent (TK-Gesundheitsreport 2026) – ausgerechnet als die Telefon-AU monatelang ausgesetzt war. Ihr Anteil an allen Krankschreibungen lag nie über 1,2 Prozent (Zi-Analyse 2024) – viel zu wenig für einen solchen Sprung. Der eigentliche Treiber: die Umstellung auf die elektronische AU-Meldung zwischen Praxen und Kassen (eine ausgestellte AU wurde in Papierform bei weniger als 3 Tagen Krankheit oft gar nicht an die Kassen weitergesendet), dazu eine heftige Erkältungswelle nach der Pandemie – bis zu 58 Prozent der Zusatzfälle allein durch Atemwegsinfekte (Zi-Institut).
Wie erleben Sie die aktuelle hausärztliche Versorgung im Main-Tauber-Kreis beziehungsweise im Altkreis Bad Mergentheim? Wo zeigen sich bereits heute Engpässe?
Ich würde die Lage aktuell mit einer Schulnote 3 bis 4 bewerten – kein Kollaps, aber auch kein Grund zur Entwarnung. Im Altkreis Bad Mergentheim hat bereits heute jeder dritte Hausarzt das Rentenalter überschritten, jeder fünfte ist über 70. Mehrere Hausärzt:innensitze sind derzeit unbesetzt. Schon jetzt finden Neupatient:innen nur schwer eine Praxis. Bei Kinder- und Frauenärzt:innen ist die Lage im Kreis noch angespannter.
Welche konkreten Belastungen prägen den Praxisalltag derzeit besonders – etwa Personalmangel, Bürokratie, steigende Patientenzahlen oder Schwierigkeiten bei der Nachbesetzung von Praxen?
Zunächst ist hier eine immer mehr ausufernde Bürokratie zu nennen. Von unnötigen AU-Bescheinigungen reicht das bis zu neuen Dokumentationspflichten wie der ePA sowie immer mehr Kassenanfragen, die letztlich oft nur im Misstrauen bereits durchdacht erfolgte ärztliche Verordnungen, etc. hinterfragen. Weiter ist der Personalmangel bei MFA, der eine sinnvolle Aufgabenverteilung erschwert ein Dauerthema in der Branche. Das größte Problem ist und bleibt aber die Nachbesetzung/Nacwuchsgewinnung: Die klassische Einzelpraxis findet kaum noch Nachfolger, tragfähig sind heute nur noch Teampraxen mit mehreren Ärzt:innen und gut ausgebildeten MFA. Genau deshalb treffen auch die HzV-limitierenden Einschnitte, die uns über das GKV-Spargesetz drohen (Ihre nächste Frage) tief ins Mark der Nachwuchsfrage: Wo bislang Aufbruchstimmung unter Jungmediziner:innen herrschte dominieren seit einigen Wochen erschreckende Resignation und existenzielle Ängste beim Gedanken an eine eigenverantwortliche Niederlassung. So erlebe ich das hautnah in der JADE-Gruppe Würzburg/Main-Tauber.
Auf Ihrer Praxiswebsite kritisieren Sie die Folgen des beschlossenen GKV-Spargesetzes für die hausarztzentrierte Versorgung. Was wird sich dadurch aus Ihrer Sicht für die Praxen und vor allem für die Patientinnen und Patienten verschlechtern?
Hausärztlich betrachtet räumt das Gesetz der HzV zwar offiziell weiterhin „einen Platz“ im künftigen Primärarztsystem ein, koppelt ihre Vergütung künftig aber an die Grundlohnentwicklung – für 2027 bis 2029 sogar ein Prozent darunter – und führt eine Fixkostendegression ein: Wer mehr Patient:innen koordiniert versorgt, bekommt pro Fall weniger Geld. Das ist, versorgungspolitisch widersinnig: zu erwartendes Mehraufkommen an Patienten wird den durchschnittlichen Umsatz pro Patient schmälern – bei steigenden Kosten (steigender Personalbedarf, höhere Vorhaltekosten, etc.). Wo wir heute noch in den meisten Fällen Patient:innen ohne ein:e Hausärzt:in vor Ort Unterstützung anbieten können wird das definitiv nicht mehr in allen Fällen möglich sein (das betrifft vorrangig auch die extrem aufwändige Betreuung unzähliger Pflegeheimbewohner:innen – hier besteht durch Kurzzeitpflege fern der Heimat ein sehr großer Versorgungsbedarf).
Welche Auswirkungen erwarten Sie auf die Aufnahme neuer Patienten, Investitionen in Personal und Technik sowie die Suche nach ärztlichem Nachwuchs?
Wachstumsstrafen setzen den denkbar falschen Anreiz: Praxen, die neue Patient:innen aufnehmen, werden dafür finanziell abgestraft statt honoriert. Das bremst jegliche Investitionen in Personal und Technik, gefährdet innovative Versorgungskonzepte wie interprofessionelle Teampraxen und macht gerade die Praxisformen unattraktiv, die wir für die Zukunft angesichts der Nachwuchsentwicklung brauchen werden. Wie sich das auf Neupatient:innenaufnahmen auswirken kann hatte ich bereits in der Frage zuvor skizziert.
Mehr als die Hausarztpraxen werden viele der spezialistischen Praxen vom „GKV-Spargesetz“ betroffen sein: da Arztpraxen keine öffentliche Einrichtungen sondern privatgeführte Kleinunternehmen sind, unterliegen diese auch ökonomischen Zwängen: wie bei Bürger:innen zu Hause kann nur Geld ausgegeben werden, das auch verdient wird – Ausgaben müssen eingespart werden. Eine Steigerung der Ausgaben wäre hier aber nahezu nur über Personaleinschränkungen – oder eben mit einer Beschneidung des Angebotes möglich, da die Einnahmeseite durch vorgschriebene (und dann ja reduziert zu erwartende) Einnahmen fixiert ist. Definitiv erwarte ich hier eine Verschlechterung der Zugänglichkeit zu von hausärztlicher Seite als notwendig erachteter spezialistischer Mitbehandlung!
Auf die Nachwuchsfrage in diesem Zusammenhang bin ich bereits bei Frage 4 eingegangen.
Im Juni hatten Sie in Ihrer Praxis jeden zweiten Wartezimmerstuhl gesperrt und auch die Patienten in den Protest einbezogen. Welche Botschaft sollte diese Aktion vermitteln und wie waren die Reaktionen?
Im Rahmen der landesweiten Aktionswoche des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg vom 8. bis 12. Juni haben wir jeden zweiten Stuhl in unserem Wartezimmer gesperrt – mit der Botschaft „Platz weg. Bald auch Ihre hausärztliche Versorgung?“ und wollten noch vor der Entscheidung über das „GKV-Spargesetz“ im Bundestag auf die Tragweite der gesetzlichen Veränderungen hinweisen. Der leere Platz sollte sichtbar machen, was auf dem Spiel steht. Über einen QR-Code auf den gesperrten Stühlen konnten unsere Patient:innen direkt eine Nachricht an ihre Bundestagsabgeordnete schicken. Die Resonanz war überwiegend nachdenklich bis besorgt und viele Patient:innen haben die Gelegenheit tatsächlich genutzt, sich selbst politisch zu äußern – wie wir alle heute wissen aber leider ohne Erfolg. Wichtig war uns an dieser Stelle deutlich zu machen, dass nicht die durch die Finanzkommission Gesundheit (FKG) empfohlen Einsparungen unseren Widerstand auslösten (z.B. Abschaffung Terminvermittlungsvergütung, Befüllung elektronische Patientenakte, Vergütung der Organspendeberatung, Vergütung des ungezielten Hautscreenings, etc.), denn für diese konnten keine wissenschaftlichen Belege eines nachhaltigen Nutzens dokumentiert werden – hier sahen und sehen wir uns als Beteiligte bei Sparmaßnahmen mit in der Verantwortung!
Was müsste die Politik aus Ihrer Sicht jetzt tun, um eine verlässliche hausärztliche Versorgung im ländlichen Raum langfristig zu sichern?
Erstens: die HzV wirklich stärken statt nur verbal zu würdigen – keine Grundlohnbindung, keine Fixkostendegression, echte Umsetzung der geplanten Primärarztsystem-Reform statt bloßer Ankündigungen. Hier hat die politische Führung in den letzten 2-3 Monaten kräftig dagegen gerabeitet. Zweitens: Bürokratie konsequent abbauen, angefangen bei unnötigen AU-Bescheinigungen für Bagatellerkrankungen. Drittens: in Arbeitsbedingungen und langfristig verlässliche(!) Honorare statt in Symbolpolitik wie die Landarztquote investieren – der Beruf muss dem Nachwuchs wirtschaftlich attraktiv erscheinen! Nur so sichern wir die hausärztliche Versorgung im ländlichen Raum langfristig.
