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Schilddrüsenwoche – die Werbetrommel wird wieder gerührt

Jetzt läuft Sie wieder, die PR-Maschine von Henning und Sanofi mit anderen, vorrangig interessengeleiteten Playern im Gesundheitssystem: “Jeder Dritte hat eine kranke Schilddrüse, und Sie?”, wird plakativ gefragt. Freilich werden auch ÄrztInnen motiviert dieses Thema im Rahmen der “Schilddrüsenwoche” in den Fokus zu stellen. Doch was ist dran am Thema – ist das nun wirklich so zentral wichtig?

Definiert man “krank” als “nicht normgerecht” ist die Aussage grundsätzlich richtig: allein 36% der Bevölkerung hatte im Rahmen einer großen Studie eine sogenannte Struma (also eine volumenvergrößerte Schilddrüse) [1]. Auch Schilddrüsenknoten finden sich bei einem Viertel von PatientInnen, sofern man nur (z.B. mit einer Ultraschalluntersuchung) danach sucht. Die Funktionssstörungen, mit überwiegender Mehrheit Schilddrüsenunterfunktionen, wurden an dieser Stelle noch gar nicht erwähnt: bei einer Prävalenz bis 10% ist insbesondere bei Frauen auch hier die Trefferquote recht hoch, eine solche Störung zu finden.

Ergo: es ist fast schwerer, jemanden zu finden, der/die eine “gesunde” Schilddrüse hat. Ist das also eine neue Epidemie? Sind wir alle durch schwere Funktionsstörungen, anstehende Operationen oder gar lebensverkürzende Krebserkrankungen bedroht?

Dem ist eher nicht so – ansonsten hätte ein “Schilddrüsenscreening” vermutlich auch schon lange Einzug in die gesetzlichen Vorsorgemaßnahmen gefunden, was bis dato nicht der Fall ist. Betrachtet man den Angstmacher schlechthin in diesem Zusammenhang, das Schilddrüsenkarzinom, muss man aber schlicht die Datenlage betrachten.

Untersucht man bekannte Schilddrüsenknoten regelmäßig per Sonographie über 5 Jahre so sichert man etwa bei 5/1.000 Patienten tatsächlich einen malignen Knoten (dabei fanden freilich unzähliche Punktionen oder gar Operationen statt, die kein bösartiges Wachstum bestätigen konnten) [2]. Der Laie sagt nun noch: “Mensch, bei 5 Patienten wurde so ein Karzinom früh erkannt!” und hat damit erstmal recht. Einen Nutzen bringt diese Information aber nur dann, wenn durch die Früherkennung auch tatsächlich Leben verlängert und/oder der Verlauf der Erkrankung nachhaltig beeinflusst werden kann.

Hierzu muss man wissen, dass Schilddrüsenkarzinome sehr seltene Erkrankungen sind (insgesamt kommt ein Karzinom auf 4350 Knotenpatienten [3]). Bei ca. 60.000 Schilddrüsenoperationen jährlich aufgrund von suspekten Knoten/einer Knotenstruma werden nur in unter 5.000 Fällen tatsächlich Karzinome nachgewiesen – 11 von 12 Operationen hätten möglicherweise vermieden werden können.

Auch an dieser Stelle zieht beim Individuum immer noch das Argument: “Wenn ich aber der mit dem Schilddrüsenkrebs wäre, wäre mein Leben gerettet worden!”. Auch dieser Sachverhalt ist aber mitnichten eindeutig so zu bejahen. Die überwiegende Mehrheit der Schilddrüsenkrebse sind gut differenzierte Karzinome und weißen eine 10-Jahre-Überlebensrate von über 90% auf, d.h. 10 Jahre nach Diagnosestellung leben noch 9 von 10 PatientInnen! Die Prognose ist also extrem gut![4]
In Südkorea wurde übrigens ein staatlich organisiertes Screening für Schilddrüsenknoten eingeführt: die Häufigkeit der Schilddrüsenkarzinome ist dadurch um den Faktor 10 angestiegen – zu einer Veränderung der Sterblichkeit des Schilddrüsenkarzinomes hat dies aber nicht geführt. Das Screening wurde folgerichtig als gescheitert wieder abgeschafft.

Warum also nun die Initiative? Hier lohnt es, sich die Initiatoren und Sponsoren der Kampagne anzusehen: Sanofi und Henning leben recht gut von den millionenfach verordneten Thyroxintabletten – viel zu selten werden diese nach Verordnung jemals wieder abgesetzt! Hier sind natürlich auch HausärztInnen als Profiteure zu erwähnen, kommt einE PatientIn mit regelmäßiger Medikation doch auch regelmäßig in die Arztpraxis und gilt überdies auch noch als lukrativEr “ChronikerIn”! Auch die Deutsche Gesellschaft für Nuklearmedizin hat berechtigtes Interesse an häufigerer Diagnosestellung, besteht eine Hauptaufgabe dieser FachkollegInnen ja in der (in Deutschland viel zu häufigen) Schilddrüsenszintigraphien.

Was bleibt ist der Appell an die symptomzentrierte Diagnostik gegenüber einem ungezielten Screening. Wer hier Schluckveränderungen, Stimmveränderungen oder auch nur eine “komisches Druckgefühl” im Halsbereich bemerkt ist natürlich auch weiter gut bedient, sich damit bei einer Hausarztpraxis vorzustellen!

Quellen:
[1] Ergebnisse aus der SHIP-Studie („Leben und Gesundheit in Vorpommern“ – Study of Health in Pomerania 2002-2006)
[2] Durante C et al: The Natural History of Benign Thyroid Nodules. JAMA 2015;313:926-935
[3] Schicha H, Hellmich M, Lehmacher W et al. Should all patients with thyroid nodules = 1 cm undergo fine-needle aspiration biopsy?. Nuklearmedizin 2009; 48: 79-83
[4] Eichorn W, Tabler H, Lippold R, Lochmann M, Schreckenburger M, Bartenstein P. Prognostic factors determining long-term survival in well-differentiated thyroid cancer: an analysis of four hundred eighty-four patients undergoing therapy and aftercare at the same institution. Thyroid 13 (2003) 949-958
[5] Hyeon S et al: Korea’s Thyroid-Cancer “Epidemic” — Screening and Overdiagnosis. New England Journal of Medicine (2014; 371: 1765-1767)

Bild: Pexels.com/Aleksey Sokolenko