Mit angezogener Handbremse in den Überholvorgang

Mit angezogener Handbremse in den Überholvorgang – Facharztzentrum Allgemeinmedizin
Ihre Gesundheitsversorgung

Mit angezogener Handbremse
in den Überholvorgang

Die Bundesregierung will die hausärztliche Versorgung stärken – und plant gleichzeitig ein Gesetz, das genau das verhindert. Was das für Sie und die Versorgung in unserer Region bedeutet.

Dr. med. Carsten Köber  ·  Mai 2026

01 Die Krankenkassen haben ein Finanzproblem – und wir stehen dazu

Die gesetzliche Krankenversicherung hat eine ernste Schieflage: Knapp 10 Milliarden Euro Defizit im Jahr 2024, und ohne Gegenmaßnahmen könnte die Lücke bis 2030 auf 40 Milliarden Euro anwachsen. Das ist keine abstrakte Haushaltszahl – es geht um die Frage, was das Gesundheitssystem für Sie als Patientin und Patient langfristig leisten kann.

Als Hausärzte machen wir uns darum keine Illusionen: Auch wir müssen einen Beitrag leisten. Eine eigens eingesetzte FinanzKommission Gesundheit hat dazu Empfehlungen erarbeitet – und viele davon sind richtig und wichtig. So soll zum Beispiel das anlasslose Hautkrebsscreening bei gesunden Menschen kritisch überprüft werden: Ein Test, der bei Menschen ohne Beschwerden oder Risikofaktoren flächendeckend eingesetzt wird, obwohl die wissenschaftliche Evidenz für seinen Nutzen fehlt. Das ist eine sinnvolle Debatte, die wir als Ärzteschaft ausdrücklich begrüßen.

Was aber die Bundesregierung nun zusätzlich plant, geht weit über diese Empfehlungen hinaus – und wurde nicht von der FinanzKommission vorgeschlagen, sondern vom Ministerium eigenmächtig ergänzt. Es trifft genau das System, das seit Jahren funktioniert – und das die Regierung selbst ausbauen will.

02 Was konkret geplant ist – einfach erklärt

Im GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz stecken zwei neue Regelungen, die auf den ersten Blick technisch klingen – deren Wirkung aber unmittelbar spürbar sein wird:

  • Vergütungsdeckel: Was eine Hausarztpraxis pro Jahr einnehmen kann, wird gedeckelt – und zwar gebunden an die allgemeine Lohnentwicklung. Steigen die Kosten der Praxis schneller (z. B. durch mehr Patientinnen und Patienten), bleibt die Einnahme trotzdem begrenzt.
  • Wachstumsstrafe: Wächst eine Praxis – nimmt sie also mehr Menschen in die hausärztliche Betreuung auf als im Vorjahr – werden diese zusätzlichen Leistungen mit einem Abschlag bezahlt. Sprich: Je mehr Patienten betreut werden, desto weniger gibt es pro Patient.

„Wer mehr Patienten versorgt, bekommt dafür weniger Geld pro Patient. Das ist kein Versehen – das steht so im Gesetzentwurf."

Diese Logik kennen viele ältere Patienten noch aus vergangenen Jahrzehnten: das sogenannte Regelleistungsvolumen, das Ärzte dazu zwang, gegen Ende des Quartals keine neuen Patienten mehr anzunehmen. Genau dieser Mechanismus kehrt nun zurück – nur diesmal betrifft er das System, das bisher bewusst davon ausgenommen war.

03 Was das für Ihre Versorgung bedeutet

Die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) – das System, das diese Praxis und viele andere in Baden-Württemberg seit 2008 trägt – ist kein Experiment. Es ist das einzige in Deutschland über viele Jahre wissenschaftlich begleitete Primärarztsystem, an dem bundesweit über 11 Millionen Menschen freiwillig teilnehmen.

18 Jahre Erfahrung in Baden-Württemberg
3,3 Mio. Versicherte in BW nehmen freiwillig teil
~1.000 Hausarztsitze in BW ohne Nachfolger

Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag festgehalten, dass sie genau dieses Modell bundesweit ausbauen möchte: ein verbindliches Primärarztsystem, das Patientinnen und Patienten eine verlässliche erste Anlaufstelle gibt und das Gesundheitssystem koordiniert. Das ist richtig, und wir unterstützen dieses Ziel.

Das Paradoxon: Mit den geplanten Regelungen würde die einzige bereits funktionierende Struktur dieses Primärarztsystems finanziell ausgebremst – genau in dem Moment, in dem sie eigentlich gestärkt werden soll. Wer das Fundament schwächt, kann kein stabiles Haus darauf bauen.

Konkret bedeutet das: Praxen können nicht mehr kalkulieren, was eine wachsende Patientenzahl für sie bedeutet. Investitionen in Personal, in moderne Ausstattung, in digitale Unterstützung werden riskant. Und Praxen, die zur Übergabe stehen, sind für potenzielle Nachfolger kaum noch werthaltig – weil die zukünftige Einnahme schlicht nicht planbar ist.

04 Nachwuchs gewinnen – und dann abschrecken?

Die gute Nachricht zuerst: Es gibt echten Aufbruch. Die Landarztquote in Baden-Württemberg, neue Weiterbildungsverbünde und ein modernes Praxismodell, das selbst in Koalitionsverträgen als Leuchtturm gilt – HÄPPI (Hausärztliches Primärversorgungszentrum – Patientenversorgung Interprofessionell) –, haben dazu geführt, dass immer mehr junge Ärztinnen und Ärzte den Weg in die Niederlassung wählen.

Was ist HÄPPI? Eine Hausarztpraxis, in der nicht nur Ärztin oder Arzt, sondern ein ganzes Team aus hochqualifizierten medizinischen Fachkräften zusammenarbeitet – gemeinsam, koordiniert, digital unterstützt. Mehr Kapazität für Sie als Patientin oder Patient, attraktiverer Beruf für die nächste Generation. Das Konzept wurde gemeinsam mit der Universität Heidelberg entwickelt und in der HZV mit der AOK Baden-Württemberg bereits erfolgreich erprobt.

HÄPPI bedeutet aber auch: mehr Verantwortung, mehr Personal, mehr Investition. Eine Praxis, die akademisch ausgebildete Fachkräfte einstellt und mehr Menschen aufnimmt, trägt höhere Kosten. Und genau das lohnt sich nur, wenn wachsende Patientenzahlen auch zu stabilen oder wachsenden Einnahmen führen.

Mit den geplanten Gesetzesänderungen ist das Gegenteil der Fall: Wer mehr Menschen versorgt, bekommt weniger pro Patient. Kein junger Arzt und keine junge Ärztin, kein Team, das aufgebaut werden soll, wird sich unter diesen Bedingungen engagieren. Das Zukunftsmodell, das die Versorgungslücke schließen soll – wird noch bevor es richtig beginnt ausgebremst.

„Es geht hier nicht um unsere Einkommen. Es geht um die Frage, ob in zehn Jahren noch jemand Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt sein kann."

Was Sie tun können

Die Bundestagsabgeordneten Ihres Wahlkreises entscheiden bis Mitte Juni 2026, ob diese Regelungen in Kraft treten. Eine persönliche Nachricht – auch kurz – macht einen Unterschied. Sie müssen kein Expertenwissen mitbringen: Es reicht zu schreiben, dass Sie eine verlässliche hausärztliche Versorgung vor Ort für wichtig halten – und fragen, wie die Abgeordneten zu diesen geplanten Änderungen stehen.

Ihre Abgeordneten finden →
Nach oben scrollen